Die Stuben im Schloss Goldegg
SBG / Bez. Pongau  / Gem. Goldegg

Schloss Goldegg wurde kurz nach 1322 auf einer felsigen Anhöhe am Rande des Goldeggersees errichtet. Der See war ursprünglich wesentlich größer als heute und umschloss die Burg an drei Seiten: Nur im Westen bestand ein Landverbindung zur nahegelegenen Kirche.
Der Palas nimmt die gesamte Nordseite der Burganlage ein. An den beiden Südecken setzen ohne Baufuge Ringmauern an, die einen etwa rechteckigen Hof einschließen. Zum ursprünglichen Bauprogramm der Burg dürfte noch der Kern eines Turmes an der Südwest-Ecke des Hofes gehören, der etwas erhöht auf ein Felsfundament steht.

Wesentliche Umbauten erfolgten im 16. Jahrhundert, als die östliche und südliche Ringmauer randständig verbaut wurde. Ende des 19.Jahrhundert wurde der bis dahin zweistöckige Westtrakt vergrößert und aufgestockt, im späten  20.Jahrhundert schließlich ein Treppenhaus zwischen Westtrakt und Palas eingefügt.

Der Palas hat mit einer Länge von 27 Metern, einer Breite von 12 Metern und einer Höhe von 18 Metern durchaus beeindruckende Dimensionen. Die Mauerstärke beträgt bis zum 1. Obergeschoss einheitlich 200 cm, und springt danach in jedem Stockwerk leicht ein.

Der viergeschossige Wohnbau besteht aus einem ursprünglich nur mäßig belichteten, von außen nicht zugänglichen Erdgeschoss, in dessen Ostecke noch ein tiefer gelegener Felsenkeller zugänglich ist. Darüber lag das erste Wohngeschoss mit der Stube, auf die in der Folge näher eingegangen werden soll. Der Hocheinstieg lag mittig in der Hofseite des 1.Obergeschosses.  Von der 2 Meter tiefen Türnische aus führte eine einläufige schmale Mauertreppe in das zweite Wohngeschoss, dessen ursprüngliche Holzeinbauten durch einen kunsthistorisch bemerkenswerten  Renaissancesaal großteils überbaut bzw. ersetzt wurden.
Darüber befindet sich noch ein weiteres volles Geschoss, das aber schon frei unter dem Dachstuhl liegt. Mauerkrone und Dachstuhl stammen aus dem 16. Jh. , der ursprüngliche Abschluss des gotischen Wohnbaues war eine etwas  tieferliegende Zinnenreihe. Über die ursprüngliche Dachform lässt sich nichts mehr sagen.

 

Goldegg: Grundriss Wohnturm, 1. Obergeschoss mit den beiden Stuben
Goldegg: Grundriss Wohnturm, 1. Obergeschoss mit den beiden Stuben

Das Raumschema der Wohngeschosse wird wesentlich durch das grundlegende statische Prinzip des Baus geprägt:  Im Erdgeschoss wird der Wohnturm durch zwei massive Quermauern in drei etwa gleichgroße Teile geteilt. Diese Quermauern tragen in den beiden darüber liegenden Wohngeschossen zwei etwas gegen Norden aus der Raummitte gerückte, massive Holzsäulen, die einen über die Längsseite des Wohnturmes laufenden Unterzug umklammern.  Auf diesem Unterzug liegt die über die Schmalseite des Gebäudes gespannte Balkendecke auf.  In die Holzsäulen sind senkrechte Nuten eingearbeitet, die zur Aufnahme von Bohlenwänden dienten. Folglich waren Größe und Anordnung der Wohnräume durch die Stellung der tragenden Holzsäulen vorgegeben.

 

Die große Stube, sog. Kemenate:

Die große Stube, die allgemein fälschlicherweise als „Kemenate“ bezeichnet wird, nimmt die Südostecke des 1. Obergeschosses ein.
Sie orientiert sich in ihrer Form an den Außenmauern des Wohnturmes, hat also ebenfalls einen stark verzogenen, rautenförmigen Grundriss.

Konstruktionsprinzip der Stube:

An allen vier Ecken stehen massive Ecksteher mit senkrechten Nuten, in die Bohlenwände eingeschoben waren. Die beiden nordseitigen Ecksteher sind die tragenden Holzsäulen, die auf einem Unterzug die Decke des darüber liegenden Stockwerks tragen, während die beiden Ecksteher an der Südseite keine tragende Funktion für das Gebäude haben und daher auch wesentlich kürzer sind .

Alle Ecksteher sind an der Rauminnenseite  breit abgefast, wohl um das Einspringen in den Wohnraum zu reduzieren.

Sie stehen auf einem umlaufenden Schwellenrahmen, der an der Innenseite ebenfalls breit abgefast ist. Den oberen Abschluss bildet ein umlaufender Deckenrahmen in Form eines Viertelstabs .

 

Goldegg: Planausschnitt der großen Stube, mit primären Holzeinbauten (Orange) und wiederverwendeten Täfelungen (pink).
Goldegg: Planausschnitt der großen Stube, mit primären Holzeinbauten (Orange) und wiederverwendeten Täfelungen (pink). Oben die vermutete Wandnische und der Hocheinstieg mit Zugang zum Kachelofen(links) und zur Mauertreppe ins 2. OG (rechts)

 

Wandflächen:

Bei der Ausführung der Wandflächen selbst muß zwischen zwei Bauarten unterschieden werden:

Die beiden Innenseiten sind sie als Bohlenwand ausgeführt:  Etwa 10 cm starke, auf beiden Seiten glatt gehackte und raumlange Bohlen wurden übereinandergestapelt. Sie sind an allen vier Seiten durch die zwei Ecksteher, den Schwellenrahmen und den Deckenrahmen fixiert. Die Höhe der einzelnen Bohlen variiert zwischen 30 und 40 cm.

 

Goldegg: große Stube, Aufmass der Nordwand
Goldegg: große Stube, Aufmass der Nordwand, Ausführung als Bohlenwand.

Goldegg: große Stube, links die Hofseite mit der Öffnung für den abgekommenen Kachelofen, rechts die Eingangstüre
Goldegg: große Stube, links die Hofseite mit der Öffnung für den abgekommenen Kachelofen, rechts die Eingangstüre

Goldegg: Bohlenwand mit Eingang zur großen Stube
Goldegg: Bohlenwand mit Eingang zur großen Stube

An den beiden Außenseiten (Osten und südliche Hofseite) besteht die Stube nicht aus Bohlenwänden, sondern  ist als schwere Täfelung ausgeführt. Einzelne senkrecht stehende Holztafeln von etwa 50 cm Breite und 190 cm Höhe wurden oben und unten in eine Nut eingeschoben. Die Stoßfugen sind mit Halbsäulen verdeckt, die nicht aufgesetzt, sondern plastisch aus der Tafel herausgearbeitet wurden. Dafür mußte also eine 10 cm starke Tafel  auf etwa 90% der Fläche um 5 cm abgearbeitet werden, nur um an deren Rand eine 5 cm starke Halbsäule stehen zu lassen. Der damit verbundene Aufwand setzt den Beobachter des 21. Jahrhundert in Erstaunen. Die Halbsäulen enden oben und unten in stilisierten Würfelkapitellen.

 

Goldegg: Große Stube, Aufmass der hofseitigen Wand
Goldegg: Große Stube, Aufmass der hofseitigen Wand

Goldegg: große Stube, sekundär aufgeweitete Fensternischen an der Ostseite
Goldegg: große Stube, sekundär aufgeweitete Fensternischen an der Ostseite. Der Dielenboden läuft ohne Baufuge in die aufgeweiteten Fensternischen.

Goldegg: große Stube, Stark ergänzte Täfelung an der Hofseite
Goldegg: große Stube, Stark ergänzte Täfelung an der Hofseite

Alle Ecksteher sind an der Rauminnenseite  breit abgefast, wohl um das Einspringen in den Wohnraum zu reduzieren.

Sie stehen auf einem umlaufenden Schwellenrahmen, der an der Innenseite ebenfalls breit abgefast ist. Den oberen Abschluss bildet ein umlaufender Deckenrahmen in Form eines Viertelstabs .

Deckenkonstruktion:

Auf dem Deckenrahmen liegt eine waagrechte Holzbalkendecke auf, die den Raum nach oben hin auf 2,65 Meter Höhe begrenzt und dadurch das zu beheizende Raumvolumen wesentlich reduziert. Die eigentliche Geschossdecke liegt etwa 1,9 Meter über dieser Zwischendecke. Heute ist die Geschossdecke mit einer gezimmerten Rahmenkonstruktion unterstellt, die problemlos in dem Luftraum zwischen Stubendecke und tragender Decke Platz findet.
Die Deckenbalken sind an der Unterseite halbrund und haben jeweils zwei runde, an Gewölbeschlusssteine erinnernde Medaillons, sowie Endstücke in Form von Würfelkapitellen. Auch die Medaillons sind nicht aufgesetzt, sondern aus dem massiven Baumstamm geschnitten. Es musste der Durchmesser eines Stamm auf der gesamten Länge um ca. 5 cm reduziert werden, um das Medaillon herauszuarbeiten.

Goldegg: große Stube. Deckenrahmen mit Deckenbalken (im Bild oben) und Täfelung (im Bild unten )
Goldegg: große Stube. Deckenrahmen mit Deckenbalken (im Bild oben) und Täfelung (im Bild unten)
Goldegg: Medaillons an der Holzdecke der großen Stube
Goldegg: Medaillons an der Holzdecke der großen Stube

Fußboden:

Der heutige in Ost-West-Richtung verlegte Dielenboden stammt frühestens aus dem 16. Jahrhundert, weil er ohne Fuge in die zu dieser Zeit aufgeweiteten Fensternischen an der Ostseite läuft. Auch fehlt im Dielenboden jeglicher Hinweis auf den Standort des Kachelofens.
Direkt unter der Stube liegt ein tonnengewölbter, gegenüber den anderen Räumen im Erdgeschoss abgetiefeter Raum, der wohl als Felsenkeller anzusehen ist. Der Raum ist gegenüber der Gebäudeachse etwas gedreht, wodurch sich an der Westseite eine deutlich erhöhte Mauerstärke ergibt, auf der der Kachelofen und die westliche Bohlenwand stehen (bzw. standen).
Die den anderen Räumen bestehen die Decken zwischen Erdgeschoss und 1. Obergeschoss  aus in knappem Abstand eingemauerten, unbearbeiteten Baustämmen mit umlaufend erhaltener Waldkante.

Türen:

Erhalten hat sich auch die originale Eingangstüre zur Stube: Sie liegt an der Westseite direkt neben dem ehemaligen Hocheinstieg  und zeigt eine kunstvolle Abwandlung der für Bohlenbauten typischen Konstruktion:  Die für die Tür durchtrennten Bohlen werden mit zwei senkrechten Zargen zusammengehalten, die unten an der Schwelle und oben an der ersten über der Türöffnung durchlaufenden Bohle befestigt werden. Der Türsturz wird hier durch zwei, in Giebelform schräg gegen die Mitte hin ansteigende Bretter gebildet, die mit Holznägeln ebenfalls an den durchlaufenden Bohlen, sowie an den beiden Zargen befestigt wurden. An der Unterseite ist der Türsturz durch einen Zweipass verziert, der somit die Durchgangslichte etwas erhöht.

 

 

Goldegg: Große Stube, Türe zum Saal, Aussenseite
Goldegg: Große Stube, Türe zum Saal, Aussenseite
Goldegg: Große Stube, Türe zum Saal, Innenseite
Goldegg: Große Stube, Türe zum Saal, Innenseite

Die Türe in die kleine Stube führende Türe wurde ebenso aus der Bohlenwand geschnitten, zwei Zargen die an der ersten durchlaufenden Bohle befestigt sind, fixieren die durchgeschnitteten Bohlen. Hier ist der ausgeschnittene Türsturz einfach rundbogig, es fehlt der vorgeblendete Giebel.

 

 

Fensteröffnungen:

Leider haben sich in der Stube  keine originalen Fensteröffnungen des 14.Jahrhundert erhalten:
Das hofseitige Fenster, das sich hinter dem einstigen Ofen befindet ist offensichtlich rezen. Die beiden Fenster an der Ostseite unterscheiden sich deutlich von den wesentlich schmäleren Fenstern des 14. Jahrhundert, mit über Schalung gemauertem Sturz, die sich an der West- und Nordseite außerhalb der Stube erhalten haben. Sie dürften aus einem Umbau des 16. Jahrhundert stammen, bei dem die ursprünglichen Fenster erweitert wurden.
Nur in der nördlichen Bohlenwand, hinter der die "Kleine Stube" liegt, hat sich ein etwa 40x40 cm großes quadratischen Schiebeladenfenster erhalten. Auf der Innenseite sind in den Bohlen zu beiden Seiten der Fensteröffnung eine Vertiefung in Größe der Öffnung angebracht, die zusammen mit einem aufgesetzten Rahmen das Verschieben eines Fensterverschlusses auf zwei Seiten ermöglichte. An der Aussenseite, eigentlich in der kleinen Stube ist die Fensteröffnung mit einer breiten abfasung versehen.

 

Heizung:

Beheizt wurde der Raum mit einem Kachelofen, an der hofseitigen Südwest-Ecke. Dort befindet sich eine rezent zu einem Fenster erweiterte Wandnische, an deren Scheitel ein Kaminschacht in der Mauerstärke senkrecht nach oben führt. Von der Nische führte ein heute teilweise vermauerter,  schmaler Gang zum nahegelegenen Hocheinsteig. Diese Anordnung erlaubte das Befeuern des Ofens von außerhalb, also ohne Störung der herrschaftlichen Bewohner.
Der Kachelofen muss schon im 16. Jahrhundert ausser Betrieb genommen worden sein, als im 2. Obergeschoss ein Fenster mitten durch den in der Mauer verlaufenden Kamin gebrochen wurde,

Goldegg: Große Stube. Detail des Grundrisses mit dem vermauerten Hocheinstieg von dem Zugänge zum Kachelofen und zur Mauertreppe abgehen
Goldegg: Große Stube. Detail des Grundrisses mit dem vermauerten Hocheinstieg von dem Zugänge zum Kachelofen und zur Mauertreppe abgehen
Goldegg: Große Stube, die Aussenseite des Schiebeladenfensters in der nördlichen Bohlenwand.
Goldegg: Große Stube, die Aussenseite des Schiebeladenfensters in der nördlichen Bohlenwand.

Was ist hier original?

Richard Schlegel beschreibt die große Stube (Kemenate ) als einen homogenen Bau aus der Errichtungszeit des Schlosses, also um 1330. Mehrere Befunde deutet jedoch darauf hin, daß nur die beiden Innenwände der Stube (also die Bohlenwände) aus dieser Zeit sind, und die beiden Holzwände an den Außenseiten (also die Täfelungen)  aus einem Umbau stammen.

Was die Bohlenwände betrifft, ist ein Einbringen in die Ausnutungen der tragenden Säulen nur im Zuge der Errichtung des Palas und vor Anbringen des Unterzugs vorstellbar, da sie nur von oben in die Nut eingeschoben werden konnten. Solange keine Dendrodaten vorliegen (das Übermass von waldkantig erhaltenen Hölzern müsste die Dendrochronologen eigentlich in Scharen nach Goldegg locken), muß man bei den Bohlenwänden also von einer Errichtung um 1330 ausgehen.

Mehrere Befunde weisen jedoch auf einen sekundären Einbau der Täfelung hin:
Erstens ist die Nut am oberen Rahmen offensichtlich sekundär. Sie ist an den beiden Innenseiten bei der primären Bohlenwand nicht vorhanden und dort auch nicht notwendig. Ihr primitive Ausführung steht in krassem Gegensatz zur handwerklichen Qualität der Holzbearbeitung des Erstbaues. An den beiden Fensternischen der Ostseite, die offensichtlich sekundär erweitert wurden, endet die Nut an der Fensternische, d.h. beim Einbau der Täfelung wurde auf eine Fensteröffnung Rücksicht genommen, die in dieser Form erst aus dem 16. Jahrhundert stammen kann.

Goldegg: Große Stube. Der nachträglich angebrachte Falz für senkrechte Tafelbretter nimmt Bezug auf die im 16. Jahrhundert erweitere Fensternische
Goldegg: Große Stube. Der nachträglich angebrachte Falz für senkrechte Tafelbretter nimmt Bezug auf die im 16. Jahrhundert erweitere Fensternische

Goldegg: große Stube, aufgedoppelter Schwellenrahmen zur Aufnahme der Tafelbretter an der Hofseite

Zweitens zeigt das verformungsgerechte Aufmaß, daß die Täfelung an den Raumenden mit 190 cm wesentlich höher ist als in der Raummitte (170 cm), d.h. sie nimmt Rücksicht auf die Durchbiegung der Balkendecke. Der Einbau muss also zu einer Zeit erfolgt sein als die Decke schon durchgebogen war. (Auch bei den bemalten Renaissancetäfelungen im darüber liegenden Rittersaal ist die Anpassung an die Durchbiegung des Fußbodens zu beobachten).

 

Goldegg: Plan von 1820 mit der Nische an der Südseite, in dem Bereich der heute von der Täfelung verdeckt ist.
Goldegg: Plan von 1820 mit der Nische an der Südseite, in dem Bereich der heute von der Täfelung verdeckt ist.

Drittens zeigt ein Grundrissplan des Schlosses aus dem Jahre 1821  an der Hofseite der Stube eine Wandnische von etwa 2 Metern Breite, wahrscheinlich von einem Fenster.  Als im 16. Jahrhundert der Osttrakt des Schlosses errichtet wurde, wurde dessen Hofseite in eigentümlicher Weise abgeknickt, um diese Nische nicht vollständig zu verbauen.  An der Hofecke, wo der Osttrakt an den Palas stößt,  wurde ein schräg nach innen laufendes Fensterchen eingebaut, das diese  Wandnische belichtet.  All dies hätte keinen Sinn, wenn die Hofseite der Stube, so wie heute, vollflächig vertäfelt gewesen wäre.  Auch Schlegel selbst erwähnt in seiner Beschreibung aus dem Jahr 1932 diese Nische, interpretiert sie als einen vermauerten Durchgang zum Osttrakt, zeichnet sie auf seinem Plan aber nicht ein.
Schließlich sind die Täfelungen unten nicht direkt im Schwellenrahmen eingenutet, sondern in einen auf der Schwelle liegenden  zusätzlichen  Balken, wodurch eine nachträgliche Anbringung auch technisch möglich wird. An der Hofseite ist die Täfelung stark ergänzt. Mehr als 50% der Gesamtfläche stammen aus einer Restaurierung des 20. Jahrhunderts

 

Goldegg: Bauhasenplan der Südwand: rot- primäre Stubenkonstruktion, blau - originale Täfelung in Zweitverwendeung, gelb: rezente Ergänzungen der Täfelung
Goldegg: Bauhasenplan der Südwand: rot- primäre Stubenkonstruktion, blau - originale Täfelung in Zweitverwendung, gelb: rezente Ergänzungen der Täfelung.

All dies deutet darauf hin, daß die Täfelung erst nachträglich eingebaut wurde, und zwar frühestens im 16.Jahrhundert, die Hofseite in ihrer heutigen Form sogar erst im 19.Jahrhundert oder noch später. Davor muß an der Hofseite ein in einer tiefen Nische liegendes Fenster bestanden haben, das bei der Errichtung des Osttraktes fast völlig vermauert wurde, und  durch das kleine Eckfenster nur notdürftig ersetzt wurde.

Die offensichtliche Ähnlichkeit zwischen Balkendecke und Täfelung lässt aber eher an eine Wiederverwendung einer alten Täfelung als an eine Neuanfertigung denken. Die wahrscheinlichte  Erklärung scheint zu sein, daß beim Umbau des 16.Jahrhundert Täfelungen bei der Neugestaltung des Renaissancesaals im 2.OG entfernt  und im 1.OG wiederverwendet wurde, weil sich die Täfelung für die vergrößerten Fensteröffnungen besser eignete als die Bohlenwand.

Kleine Stube:

An der Nordostseite der großen Stube ist eine zweite, wesentlich kleinere hölzerne  Stube angebaut, die sich in Form und Ausführung wesentlich von der größeren unterscheidet.

Die Stube hat einen stark unregelmäßig rechteckigen Grundriss. Die Südseite misst 4,7 Meter , die Ost- und Westseite jeweils 3,91 Meter, die Nordseite 4,0 Meter.
Es handelt sich um einen reinen Ständerbohlenbau, bei dem liegende Bohlen in die Einnutungen der vier Eckständer eingeschoben wurden. Nur an der Südseite wurde einfach die bereits bestehende Rückwand der großen Stube genutzt.

Goldegg: Schnitt durch die kleine Stube
Goldegg: Schnitt durch die kleine Stube
Goldegg: Planausschnitt der kleinen Stube (links) und des Vorraums (rechts)
Goldegg: Planausschnitt der kleinen Stube (links) und des Vorraums (rechts)

Die Decke ist eine geknickte Holzbalkendecke, die auf ebenso einfache, wie zweckmäßige Weise errichtet wurde: Die vier Wände der Stube wurden bis über den höchsten Punkt der Decke hochgezogen.  An den beiden Schmalseiten wurde jeweils eine, die Form der Decke vorgebende Leiste befestigt,  in die insgesamt 8 einfach gefaste Deckenbalken eingezapft wurde. Die Zwischenräume zwischen den Deckenbalken wurden durch eingepasste Deckläden verschlossen. Auch hier konnte die Decke sehr leicht ausgeführt werden, weil sie keinerlei Lasten zu tragen hatte.

Goldegg: Kleine Stube, Deckenkonstruktion, Blick gegen Osten. Rechts die Bohlenwand der großen Stube
Goldegg: Kleine Stube, Deckenkonstruktion, Blick gegen Osten. Rechts die Bohlenwand der großen Stube
Goldegg: Westseite der kleine Stube von außen reicht über die Höhe der Stubendecke hinaus
Goldegg: Westseite der kleine Stube von außen reicht über die Höhe der Stubendecke hinaus

Schon Schlegel vermutete in der kleinen Stube einen sekundären Zubau und dies lässt sich durch zahlreiche Befunde auch beweisen:

Handelte es sich um eine primäre Stube, müssten die waagrechten Bohlen an den beiden Außenseiten eingemauert sein. Diese haben zwar die für Blockwerkstuben typische, nur grob geglättete Rückseite mit stark abgefasten Längskanten, sie liegen aber etwa 8 cm von der Mauer entfernt, und es gibt keinerlei Abdrücke der Bohlen im Mörtel.

An mehreren Stellen lässt sich feststellen, daß Kratzer und andere Spuren von Abnützung abrupt am Stoß zwischen zwei Bohlen enden.
Schließlich ist die handwerkliche Ausführung im Vergleich zur großen Stube bestenfalls als zweitklassig zu bezeichnen.

In Summe liegt der Schluss nahe, daß hier das „Abbruchmaterial„ der beiden Außenseiten der großen Stube, oder einer anderen Bohlenwand des 14. Jahrhunderts,  zweitverwendet und auf teils recht primitive Art zu einer gotischen Stube zusammengeschnitten wurde.

Dabei ist insbesondere eine Bohle von Interesse, in der sich ein spitzbogiges Fensterchen erhalten hat.  Die etwa 33 cm hohe Öffnung findet zur Gänze in der 55 cm hohen  und 9,5 cm starken Bohle Platz. An der Rauminnenseite ist  es von einem rechteckigen Falz umgeben, dessen oberer Abschluss von einem 3/8 Schluss gebildet wird. Er diente wohl zur Aufnahme eines  Rahmens, in dem eine Verglasung oder eventuell auch nur ein hölzerner Verschluss befestigt war.  An der Außenseite der Bohle ist das Fenster schräg nach oben und auf die Seiten hin getrichtert, nicht jedoch nach unten.
All dies läßt den Verdacht aufkommen, daß es sich hierbei um eine Bohle handelt, die eine inzwischen verschwundene Fenstergruppe an der Hofseite der primären Stube nach innen hin abschloss. Leider wurde sie bei der Übersiedlung knapp neben der Öffnung abgeschnitten, weshalb man nicht mehr sagen kann, ob sich darauf noch mehrere gleichartige Öffnungen befanden

Goldegg: Die wahrscheinlich aus Abbruchmaterial der großen Stube zusammengebaute Nordwand der kleinen Stube
Goldegg: Die wahrscheinlich aus Abbruchmaterial der großen Stube zusammengebaute Nordwand der kleinen Stube
Goldegg: kleine Stube. verschliessbares Spitzbodenfenster in einer Bohlenwand.
Goldegg: kleine Stube. verschliessbares Spitzbodenfenster in einer Bohlenwand.

Beheizt wurde die kleine Stube mit einem in der NW-Ecke situierten gemauerten Ofen, dessen Fundament noch erhalten ist. Er lag zum Großteil in einer aus der 200 cm starken Palasmauer gebrochenen Nische, und konnte auch von außerhalb der Stube beheizt werden.  Als Rauchabzug diente ein entsprechend umfunktionierter Lichtschlitz.

Vorraum der Kleinen Stube

An die sekundär eingebaute "Kleine Stube" schließt ein weiterer als Ständerbohlenbau ausgeführter  Raum an. Seine Ausführung ist ebenfalls recht einfach gehalten und zeigt eindeutige Anzeichen von zweitverwendeten Hölzern.
An der Südseite nützt er die Außenseite  der großen Stube und - in deren Verlängerung - den Stumpf der zwischen den beiden tragenden Holzsäulen des Geschosses eingespundeten  Bohlenwand. Diese wurde in etwa 1 Meter Länge abgeschnitten und die Öffnung gegen den Saal mit einer Bohlenwand geschlossen. Darin befindet sich neben einer Türe noch eine zweite nur ca. 100 cm hohe Öffnung. Dahinter war ein schmaler Gang mit einer Bohlenwand abgetrennt, der zur Rückseite des Kachelofens der kleinen Stube führte. Es handelte sich dabei also um einen „Heizgang“ der das Beschicken des Ofens erlaubte, ohne die Wohnräume betreten zu müssen.

Goldegg: Zugang zur großen Stube (rechts9 und zum Vorraum der kleinen Stube (links)
Goldegg: Zugang zur großen Stube (rechts9 und zum Vorraum der kleinen Stube (links)

Goldegg: Türe vom Saal zum Vorraum der kleinen Stube
Goldegg: Türe vom Saal zum Vorraum der kleinen Stube

Quellen:

Zu Goldegg und seinen Stuben existiert einer der frühesten, qualitativ hochwertigen Beiträge in der Geschichte der österreichischen Burgenforschung, in der auch ausführlich auf die Stuben eingegangen wird:
Dipl. Ing. Richard Schlegel: Der frühgotische Palas im Schloß Goldegg, in MGSL, Band 81 (1941) , Seite 191 ff
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